Subluxation-
Was passiert physiologisch, wenn die Wirbelsäule "blockiert"
Ganz plakativ könnte man sagen: Die Wirbelsäule ist der Sicherungskasten des menschlichen Körpers- fliegt ein Wirbel raus, ist das gesamte System gestört. Das ist aber ein sehr grobes Bild. Denn erstens fliegen und renken Wirbel nicht aus (mehr dazu HIER)! Und zweitens geht es nicht wirklich um das Gelenk und schon gar nicht um das Knacken (mehr dazu HIER).
WARUM SIND WIR DANN SO AN DER WIRBELSÄULE INTERESSIERT?
Die Wirbelsäule interessiert uns vor allem, weil sie eine extrem wichtige Informationsquelle für das Gehirn darstellt. Die kleinen intrinsischen Muskeln, welche sich um ihre Gelenke schmiegen, agieren wie Agenten, die dem Gehirn genaue Auskunft über die Position des Körpers liefern. Andere Teile des Körpers geben dem Gehirn auch diese Auskunft- aber das Input aus der Wirbelsäule, allem voran der oberen Halswirbelsäule, ist die Hauptbezugsquelle für das Gehirn.
Das Gehirn gleicht die ankommenden Impulse mit denen der Augen und Ohren ab- und reagiert dann darauf. Im besten Fall passt alles zusammen und alle intrinsischen Muskeln der Wirbelsäule erzählen dasselbe wie die Augen und die Ohren. Das ist eine entspannte Situation, die sich in einer entspannten Muskulatur und einen perfekt koordinierten Körpersystem ausdrücken wird.
WAS PASSIERT, WENN DAS KÖRPERSYSTEM SUBLUXIERT?
Du erinnerst dich vielleicht: Subluxation ist ein Begriff aus der klassischen Chiropraktik. Er fasst den Zustand des Körpersystems zusammen, welcher nach einem Trauma eintritt. Eine Subluxation ist in der plakativen Sprache die rausgeflogene Sicherung.
Physiologisch betrachtet geschieht folgendes:
Eine traumatische Erfahrung (im Grunde kann das alles sein, was das individuelle Stressfass an sein Limit bringt) belastet einen Bereich der intrinsischen Muskulatur der Wirbelsäule. Eine Verletzung durch Überlastung in diesen Muskeln wäre dramatisch für den Körper, weil das Gehirn ja auf dieses propriozeptive (=selbstwahrnehmend) Input angewiesen ist. Das Körpersystem MUSS sich also schützen, es sorgt sinnbildlich dafür, dass das Fass nicht überläuft: Der inverse myotaktische Reflex wird ausgelöst, das bedeutet, die Kontraktion der überlasteten Muskeln wird unterbrochen, dafür wird der muskuläre Gegenspieler doller aktiviert.
Der inverse myotaktische Reflex
In deinem Arm wäre das so, wie wenn du eine schwere Kiste hochhältst, bis dein Bizeps komplett überlastet ist- anstatt zu reißen, schaltet er plötzlich ab und dein Trizeps kontrahiert. Dein Arm streckt sich- und bleibt da, bis der Reflex deaktiviert wird. Ansonsten ginge dein Arm nicht zurück in die Beugung.
Nun haben wir auf Bizeps und Trizeps bewussten Zugriff, denn sie gehören zu der extrinsischen Muskulatur. Da aber die intrinsische Muskulatur der Wirbelsäule der Propriozeption dient und nicht etwa der Bewegung von Gelenken, hat unser Gehirn keinen bewussten Zugang. Kontrolle läuft nur automatisch ab. (Wir haben das schon mal HIER erklärt). (Stabi vor Kraft)
Was passiert, wenn der inverse myotaktische Reflex ausgelöst wurde?
Wenn die kleinen Muskeln durch den Schutzreflex ausgeschaltet und ihre Gegenspieler umso stärker aktiviert sind, bleibt der Körper oft in dieser misslichen Lage hängen. Das bedeutet folgendes: Das Gehirn erhält von diesem Bereich keine oder falsche Information! Meistens beides.
Da der subluxierte Bereich für das Gehirn ein blinder Fleck ist – es bekommt ja von hier keine vertrauenswürdige Information geliefert -, kann es gerade hier, wo es so wichtig wäre, weder Kontrolle erlangen, noch klärend eingreifen.
Diese Kombi – fehlende Kontrolle und nicht kongruentes Input- führt zu immensem Stress. Und das zeigt sich!
Wie drückt sich dieser Stress aus?
- Fehlende Kontrolle ist so gar nicht unser Ding. Die Gesamtspannung des Körpersystems ist also hochgesetzt- das macht sich oft vor allem in den Bereichen bemerkbar, die Entspannung für optimale Funktion benötigen: Schlaf, Verdauung und Heilung.
- Kompensation durch die umliegende extrinsische Muskulatur. Wenn die kleinen Muskeln nicht mehr korrekt stabilisieren- dann übernehmen es halt die, welche eigentlich nicht dafür gebaut sind. Die Konsequenz? Angespannte und unbewegliche Muskeln und damit verspannte Nacken, verhinderter Schulterblick, Rückenschmerzen.
- Erhöhtes Schmerzempfinden bei bestimmten Bewegungen. Schmerz sorgt dafür, dass weniger Bewegung im nicht kontrollierbaren Bereich stattfindet- zur Sicherheit.
All das ergibt für das Körpersystem Sinn. Ist aber für uns als subluxierten Menschen echt unangenehm. Stress, Anspannung, fehlende Beweglichkeit und Schmerz- will man alles nicht.
Wie unterstützt die Chiropraktik?
Alles, was es in dieser vertrackten Situation braucht, ist einen helfenden Impuls für das Gehirn, damit es den blinden Fleck wieder mit korrekter Information füllen kann- eine Justierung also.
Eine Justierung ist keine Behandlung und kein Einrenken (mehr dazu HIER). Sie soll auch keine Gelenke verrücken oder Körperteile zurechtbiegen. Sie wirkt hingegen als Reset an der ausgeschalteten intrinsischen Muskulatur. Diese liefert dem Gehirn daraufhin wieder korrekte Information. Das Gehirn erlangt Kontrolle zurück und muss nicht mehr ausgleichen zwischen inkongruentem Input. Der Stress entfällt. Die extrinsische Muskulatur entspannt und kann sich wieder freier bewegen. Der Schmerz darf weichen. Und das gesamte Körpersystem kann endlich wieder entspannen, was die Funktion des Schlafs, der Verdauung und der Heilung von Gewebe und alten Verletzungen begünstigt.
Happy End.
- Das Wort Subluxation ist tief in der chiropraktischen Geschichte verankert und in seiner chiropraktischen Definition nicht mit der medizinischen gleichzusetzen. Selbst in der Welt der Chiropraktik ist der Gebrauch in manchen Kreisen umstritten. Wir finden aber, dass kein anderes Wort bei der Breite des Bedeutungsumfangs mithalten kann.